Schutz im Frauenhaus

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Im Frauenhaus


Viele der Frauen, die ins Frauenhaus nach Hanau oder Wächtersbach kommen, bringen ihre Kinder mit. Eines von ihnen ist die 17-jährige Anika (Name geändert), die seit einem Jahr mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Geschwistern im Frauenhaus lebt. Die junge Frau hat sich in den vergangenen Jahren aufgrund der häuslichen Situation mit ihrem drogenabhängigen Vater sehr um die Familie gekümmert und auch Verantwortung übernommen – auch für den Vater. Dieser sei unberechenbar gewesen, vor allem, wenn er gerade keine Drogen hatte.

Es fing mit Alkohol an, später waren es Kokain und Heroin. Dieser durch die Drogensucht gezeichnete Vater sei furchteinflößend und fremd für die Kinder. Aber da sei noch dieser andere, liebe und nette Vater gewesen, dem sie helfen wollte, von der Drogensucht wegzukommen. Also telefonierte die Tochter immer wieder, um einen Platz in einer Entzugsklinik für ihn zu finden und er versuchte ein paar Mal, von den Drogen wegzukommen, jedoch ohne Erfolg. Die Mutter sei durch den gewalttätigen Partner eingeschüchtert gewesen. Obwohl die Eheleute längst räumlich getrennt waren, tauchte der Vater eines Nachts an der Wohnung auf, er brauchte dringend Geld, um sich Drogen zu beschaffen. Dabei geriet er so außer sich, dass er anfing, das Mobiliar zu zertrümmern und er drohte auch Frau und Kindern. Vor dem Eintreffen der Polizei flüchtete er dann durch einen Sprung aus dem Fenster.

Für die Familienhelferinnen stand nach diesem Vorfall fest, dass die Familie so schnell wie möglich einen sicheren Ort braucht. Ein paar Tage später zog die Mutter mit ihren Kindern ins Frauenhaus. Erst jetzt, Monate später, kann die 17-Jährige sich in Ruhe Gedanken darüber achen, was sie selbst mit ihrem Leben anfangen will. Weil sie sich jetzt nicht mehr um ihren Vater kümmern muss und keine unmittelbare Angst mehr um ihre Mutter und ihre Geschwister hat. „Natürlich machen wir uns weiterhin Gedanken darüber, wie es unserem Vater geht, ob er genug zu essen hat und ob er es warm und trocken hat. Wir hatten seit dieser schlimmen Nacht keinen Kontakt mehr zu ihm“, sagt die 17-Jährige. Für sie und ihre Familie ist das im Moment die beste Lösung.

Es sind Menschen wie Annika, die im Frauenhaus wieder lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, um ein Leben abseits von Gewalterfahrungen zu führen.
 
 

„Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch nutzen “

Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch nutzen “ Stadtlauf Hanau zugunsten der Frauenhäuser am 19. September - Gespräch mit Michael Schrod, Opferschutzkoordinator der Polizeidirektion Main-Kinzig Main-Kinzig-Kreis. – Gewalt, gerade häusliche Gewalt, hat viele Gesichter. Sie betrifft Frauen aller Altersgruppen, aller sozialen Schichten. Und sie ist nach wie vor eines der großen Kriminalitätsfelder. Seit dreieinhalb Jahren kümmert sich Kriminalhauptkommissar Michael Schrod als Opferschutzkoordinator der Polizeidirektion Main-Kinzig um solche Fälle – mit dem Ziel, die Betroffenen zu schützen und ihnen Kontakt zu Hilfsorganisationen zu vermitteln. Im Jahr 2024 konnte er in insgesamt 74 Fällen Hilfe vermitteln, bis August 2025 bereits in 86 Fällen.

Anlässlich des 24. Stadtlaufs Hanau am 19. September unter der Schirmherrschaft von Landrat Thorsten Stolz und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky berichtet der Opferschutzkoordinator über seine Arbeit. Der Grund: Der Erlös des Stadtlaufs unter dem Motto „Stärke zeigen – Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ kommt in vollem Umfang den Frauenhäusern in Hanau und Wächtersbach zugute.

Herr Schrod, Sie sind seit 2021 als Opferschutzkoordinator für den Main-Kinzig-Kreis zuständig. Was bedeutet das genau?
Opferschutzkoordinatorinnen und -koordinatoren sind die Schnittstelle zwischen Polizei, Justiz und Hilfsorganisationen. Wir stellen sicher, dass Opferrechte gewahrt werden, dass Betroffene Beratung und Schutz erhalten. Ich sehe mich als Verbinder, Vermittler und Netzwerker. Die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen und den Frauenhäusern, dem Jugendamt, dem Gesundheitsamt sowie anderen Partnerinnen und Partnern ist dabei ein wesentlicher Baustein. Polizeilicher Opferschutz fußt auf drei Säulen: Gefahrenabwehrmaßnahmen, professioneller Umgang durch geschulte Kolleginnen und Kollegen sowie Informationen über Rechte. Denn: Nur wer seine Rechte kennt, kann von ihnen Gebrauch machen. Um ein Delikt zu verfolgen, müssen die Betroffenen die Bereitschaft haben, eine Aussage zu machen. Einige Maßnahmen sind erst dann möglich.

Wie identifizieren Sie Fälle, die besondere Maßnahmen erfordern?
Jeden Morgen werte ich die Einsatzlagen der Polizeidirektion Main-Kinzig aus. Gibt es Hinweise auf Gefährdungslagen und Sachverhalte, bei denen polizeilicher Opferschutz notwendig sein könnte, nehme ich Kontakt zum zuständigen Kommissariat auf. Ich biete den Betroffenen ein Gespräch an. Binnen 24 Stunden gibt es in der Regel den ersten Kontakt. Dann schaue ich, was zu tun ist – und wie wir Hilfsorganisationen oder Frauenhäusern einbinden können.

Welche Gefahrenabwehrmaßnahmen gibt es?
Einen hundertprozentigen Schutz vor Gewalttaten gibt es nicht. Aber wir können viel tun, damit Betroffene sich sicher und geschützt fühlen. Dazu gehört die Gefährderansprache, also das direkte Gespräch mit dem Täter. Oder Schutzmaßnahmen für Gefährdete, wie die Unterbringung im Frauenhaus oder bei Bekannten. Wir können den Täter in Gewahrsam nehmen. Auch technische Mittel können helfen: etwa eine elektronische Fußfessel oder eine sogenannte GPS-Opfereinheit, die im Notfall auf Knopfdruck eine direkte Telefonverbindung zur Polizei herstellt. 

Die Fußfessel ist immer wieder in der Diskussion. Wie bewerten Sie diese?
Die elektronische Fußfessel wird zum überwiegenden Teil bei Sexualtaten und bei Gewalttaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt eingesetzt. Sie soll die Sicherheit der Opfer erhöhen. Noch läuft die Erprobung. Damit sie wirkt, muss die Absprache mit Gerichten schnell erfolgen und die Umsetzung sofort möglich sein. Dann ist sie ein starkes Mittel. Ende August hat das Bundesjustizministerium geplante Änderungen für das Gewaltschutzgesetz vorgestellt. Opfer von häuslicher Gewalt sollen durch den Einsatz elektronischer Fußfesseln künftig besser geschützt werden. Es ist vorgesehen, dass Gerichte künftig die Täter zum Tragen eines solchen Gerätes zur Standortbestimmung verpflichten können.

Wie stellen Sie sicher, dass auch die Polizei vor Ort für Opferschutz sensibilisiert ist?
Neuen Kolleginnen und Kollegen stellen wir regelmäßig unsere Arbeit vor und erklären, warum Opferschutz so wichtig ist. Als ich 2003 meine Ausbildung bei der Polizei begann, steckte Opferschutz noch in den Kinderschuhen. Der Täter stand im Fokus. Heute werden die Opfer viel mehr in den Blick genommen. Betroffene haben Ansprechpersonen in den Polizeidirektionen, die sie mit Hilfsorganisationen oder Frauenhäusern in Kontakt bringen. Diese Organisationen sind eines der Kernstücke des Opferschutzes.

Welche Rolle übernehmen die Hilfsorganisationen?
Eine zentrale. Im Main-Kinzig-Kreis gibt es etwa die Hanauer Hilfe, den Weißen Ring, Lawine, Sprungbrett, Pro Familia sowie die Frauenhäuser in Hanau und Wächtersbach. Ich selbst arbeite eng mit der Hanauer Hilfe und dem Weißen Ring zusammen. Diese Institutionen übernehmen das, was wir nicht leisten können: psychologische Betreuung, Begleitung zu Terminen, Unterstützung bei Anwälten. Meine Aufgabe ist es, die Betroffenen mit diesen Organisationen zusammenzubringen. Ihre Arbeit ist unverzichtbar, denn gerade sie und ihre Angebote sorgen dafür, dass mehr Menschen den Mut haben, Täter anzuzeigen. Die Einrichtungen brauchen meiner Ansicht nach mehr finanzielle Förderung. Der Hanauer Stadtlauf ist eine Veranstaltung , die hier seit langen Jahren viel Gutes leistet. Sie macht auf die Situation von Opfern häuslicher Gewalt aufmerksam und sammelt Spenden, um die Frauenhäuser und deren wichtige Arbeit zu unterstützen.

Welche Hürden erschweren es Betroffenen, Hilfe zu suchen?
Sprachbarrieren, finanzielle Abhängigkeit, Angst vor dem Partner oder davor, wie es nach einer Anzeige weitergeht. Es gibt auch strukturelle Probleme. Insbesondere bei Sexualstraftaten ist die Hemmschwelle für die zumeist weiblichen Opfer so groß, dass sie oft gar nicht den Schritt wagen, eine Polizeidienststelle aufzusuchen. Müssen die Betroffenen dann auch noch den Sachverhalt mehreren Dienststellen schildern, baut dies zusätzlich emotionalen Druck auf. Deshalb habe ich mit den Hilfsorganisationen vereinbart, dass direkt über mich an die Fachdienststellen verwiesen wird und die Ebene der Schutzpolizei vor Ort ausgespart wird.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Berufsalltag schildern?
Vor kurzem meldete sich eine Frau, die sich von ihrem Partner getrennt hatte. Er drohte ihr danach mit einem Messer. Sie konnte mit ihrem Kind nicht mehr in die Wohnung zurück, die Gefahr für Leib und Leben war zu groß. Da sie nicht einsehen wollte, dass es besser für sie wäre, in einem Frauenhaus in einiger Entfernung von ihrem Wohnort unterzukommen und Abstand zu haben, habe ich vermittelt, dass sie vorübergehend bei Bekannten unterkommt. Parallel dazu gab es eine Gefährderansprache. Der Gefährder hat dabei zu verstehen gegeben, sich an die polizeilichen Weisungen halten zu wollen. Nach etwa einer Woche habe ich bei der zuständigen Polizeistation nachgefragt, ob er versucht hat, Kontakt aufzunehmen. Hatte er nicht.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Mehr finanzielle Unterstützung für Hilfsorganisationen und Frauenhäuser. Sie sind es, die Betroffenen auffangen, begleiten, stützen, unterstützen. Und auch wir als Polizei müssen beim Thema Opferschutz weiter am Ball bleiben. Ich wünsche mir, dass Opferschutz in der Polizei weiter so ernst genommen wird. Dazu finden aktuell Umstrukturierungen innerhalb der Polizeidirektion Main-Kinzig statt. Schutzmänner und Schutzfrauen vor Ort machen mehrwöchige Hospitanzen bei uns, um für das Thema noch stärker sensibilisiert zu werden. Ziel ist, dass jede Dienststelle kompetente Ansprechpersonen vor Ort. 
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"Wir können viel tun, damit Betroffene sich sicher und geschützt fühlen“: Michael Schrod

Nach Gewalterfahrung sollen Betroffene im Frauenhaus erst mal zur Ruhe kommen können

Wenn eine Frau den Entschluss fasst, ins Frauenhaus zu gehen, dann hat sie in der Regel eine lange Zeit hinter sich, in der sie in ihrer Partnerschaft Gewalterfahrungen erlebt hat – psychisch, physisch oder auch sexuell. Eine Veränderung der häuslichen Situation, in der sie nicht selten geschlagen und beschimpft wurden, kostet viel Energie und auch Mut. Allein die Kontaktaufnahme zum Frauenhaus ist mit Risiken verbunden, da diese Frauen häufig unter sehr starker Kontrolle des Mannes stehen und auch die begründete Angst haben, dass der aggressive Partner eskaliert, sobald er mitbekommt, dass die Frau sich von ihm trennen will. Brigitte Machnitzke kümmert sich im Verein „Frauen für Frauen“ in Wächtersbach seit 1992 um das Frauenhaus, Lea Kircher seit 2016. Beide wissen, wie schwer es für diese Frauen ist, den Weg in diese Schutzeinrichtung und in ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt zu finden. Im Frauenhaus Wächtersbach wurden zwischen 1992 und 2023 insgesamt 1378 Frauen und 1478 Kinder aufgenommen – der Bedarf ist trotz vergrößerter Raumkapazitäten kontinuierlich gestiegen. Die Frauenhäuser sind auf Unterstützung und Spenden angewiesen. Der jährlich stattfindende Stadtlauf Hanau macht auf die Situation der Frauenhäuser und die Thematik Gewalt gegen Frauen aufmerksam. Die Teilnahme am Stadtlauf unterstützt direkt die Arbeit in den Frauenhäusern. Darauf machen die beiden Schirmherren Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Landrat Thorsten Stolz aufmerksam. Im Interview berichten Brigitte Machnitzke und Lea Kircher über die Situation der Betroffenen in den ersten Wochen im Frauenhaus.
Frage: Sie begleiten seit vielen Jahren die Frauen und Kinder im Frauenhaus Wächtersbach.

Können Sie beschreiben, in welcher Verfassung die Frauen bei Ihnen ankommen?
Brigitte Machnitzke: Die emotionale Verfassung der Frauen und Kinder ist sehr unterschiedlich, wenn sie zu uns kommen und richtet sich oft danach, auf welchen Wegen sie ins Haus kommen. Wenn der Schritt schon länger geplant wurde, überwiegt häufig die Erleichterung und das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Kommen die Frauen in einer akuten Krisensituation, herrschen oft andere Gefühle vor: Verzweiflung, Unsicherheit, Sprachlosigkeit, Wut und vieles mehr. Aber jeder Fall ist so individuell, dass man die Frage pauschal nicht beantworten kann. Mitunter haben wir auch Frauen, die sich von körperlichen Angriffen erholen müssen. Es können also sichtbare und nicht sichtbare seelische Wunden da sein, die heilen müssen. Das dauert seine Zeit.

Wie entwickelt sich das weiter? Wie lange brauchen die Frauen im Schnitt, bis sie begreifen, dass sich ihr Leben nun zum Besseren wenden kann?
Lea Kircher: Die ersten Wochen im Frauenhaus sind die turbulentesten und mit sehr viel Bürokratie und Organisation verbunden: Die Frauen müssen sich anmelden, Auskunftssperre bei den
Einwohnermeldeämtern beantragen, sie müssen Anträge zur finanziellen Absicherung stellen. Wenn die Frauen Kinder haben, gilt es, Schule und Kindergarten zu organisieren, Anträge für
Kindergeld und Unterhaltsvorschuss zu stellen und häufig starten schnell die Gerichtsverfahren bezüglich des Umgangs- und Sorgerechts. Die Aussicht, dann womöglich wieder auf den
gewalttätigen Ex-Partner zu treffen, belastet viele der Frauen. Denn die Ungewissheit bleibt, ob hier mit weiteren Angriffen zu rechnen ist oder das Schlimmste nun endlich hinter ihnen liegt.
Brigitte Machnitzke: In dieser Zeit führen wir regelmäßige Beratungsgespräche und begleiten die Frauen auch bei den anstehenden Terminen. Das Gefühl der Sicherheit und Ruhe kann meist erst entstehen, wenn all diese bürokratischen Angelegenheiten geregelt sind. Es ist aber auch eine Zeit, in der die Frauen in anderer Hinsicht stark gefordert sind, denn das ist eine Phase, in der manche der Männer über die Kinder versuchen, weiterhin Kontrolle und Druck auf die Mutter auszuüben. Das ist keine leichte Situation.

Welche Hilfestellungen geben Sie den Frauen, bevor sie ins Frauenhaus kommen?
Brigitte Machnitzke: Wir informieren im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit über unsere Angebote und weitere Anlaufstellen. Flyer liegen zum Beispiel an vielen öffentlichen Plätzen,
Ämtern, Behörden, Arztpraxen aus, um den betroffenen Frauen Möglichkeiten aufzuzeigen. Wenn sich Frauen bei uns melden, bieten wir ihnen eine Beratung an oder unterstützen bei der Suche
nach einem Frauenhausplatz.

Wie sieht die Unterstützung aus, wenn die Frauen im Frauenhaus leben?
Lea Kircher: Neben der bereits angesprochenen Beratung und Begleitung bieten wir verschiedene Freizeitangebote an. Wir unternehmen gemeinsame Ausflüge mit den Frauen und Kindern, es gibt verschiedene Kreativangebote, die dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Aber es findet auch gemeinsames Kochen und wöchentlich eine Hausversammlung statt. Wir feiern mit den
Bewohnerinnen gemeinsam alle Feste, die bei ihnen anstehen.

Wie lange dauert es im Schnitt, bis Sie eine Veränderung in der Persönlichkeit der Frauen bemerken und wie macht sich das bemerkbar?
Brigitte Machnitzke: So individuell wie jede Geschichte der Frauen und Kinder ist, so individuell ist auch die Entwicklung von ihnen. Bei manchen geht das schneller als bei anderen. Generell können wir aber feststellen, dass die Frauen meist selbstbewusster auftreten, unabhängiger werden, die Herausforderungen als Alleinerziehende im Alltag tragen können und sich den Schritt in eine Ausbildung oder ins Berufsleben zutrauen.

Der Weg raus aus einer Beziehung, die durch Gewalt – ob nun psychisch oder psychisch – geprägt war, ist mitunter sehr lang. Welche Unterstützung brauchen die Frauen
in dieser Situation am dringendsten?

Lea Kircher: Wichtig wäre, dass die gesundheitliche Grundversorgung gewährleistet ist, was leider momentan sehr schwierig ist. Häufig haben die Ärzte keine Kapazitäten und die Wartelisten für
Therapieplätze sind sehr lang. Des Weiteren ist die Sicherstellung einer Kinderbetreuung oft nicht gewährleistet und die Perspektive auf eine eigene, bezahlbare Wohnung ist seit einigen Jahren eine große Herausforderung in unserer Arbeit.
 
Interview Stadtlauf-frauenhaus

Lea Kircher (links) und Brigitte Machnitzke (rechts) begleiten seit vielen Jahren Frauen und Kinder im Frauenhaus Wächtersbach.

Vom Alltag in ständiger Angst - hin zu einem selbstbestimmten und gewaltfreien Leben

Wenn Mara vom Leben mit ihrem Mann erzählt, dann lächelt sie zufrieden. Er war ihre erste Liebe, jetzt ist er ihr Ehemann. Kennengelernt hat sie ihn mit 17. Weil beide noch zu jung für ein gemeinsames Leben waren, haben sie sich allerdings aus den Augen verloren. Geheiratet hat sie dann schließlich ein paar Jahre später einen anderen Mann. Einen, der ein sehr einnehmendes Wesen hatte. „Ein Traummann. Das dachten alle. Auch ich“, erzählt sie. Aber das war nur zu Beginn der Beziehung so. Familie und Freunde dachten, das Paar führe ein Bilderbuchleben. Rasch kamen drei Kinder.

Mara weiß, wie es ist, häusliche Gewalt zu erleben. Sie hat ihr Martyrium elf Jahre lang vor ihrem Umfeld und ihrer eigenen Familie geheim gehalten, solange, bis das nicht mehr möglich war. Mara heißt eigentlich anders. Wenn sie von dieser Phase in ihrem Leben erzählt, dann ist es, als ob sie von einem ganz anderen Menschen erzählt, jemand, den sie einmal kannte. Denn dieser Mensch ist sie nicht mehr, sie hat sich mit viel Kraft und großem Lebenswillen aus dieser Ehehölle befreit. Sie erzählt ihre Geschichte, damit andere Frauen wie sie ebenfalls eine Chance auf ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben haben. Mara konnte sich mit Hilfe des Frauenhauses in Hanau und Wächtersbach aus der Gewaltspirale befreien.

Sie erinnert sich, dass die Eifersucht begann, als sie mit dem ersten Kind schwanger war. Ihr angeheirateter Peiniger hat immer mehr Druck ausgeübt: seelisch und körperlich. Hat ihr Schuldgefühle gemacht, wenn sie versucht hat, sich von ihm zu distanzieren: „Du hast mich im Stich gelassen.“ Nach körperlichen Attacken gegen sie und die Kinder gab er stets den zutiefst Reumütigen, der viele Versprechungen machte. „Sein Verhalten hat er aber nicht geändert“, musste Mara immer wieder feststellen. Bald darauf übte er erneut Druck aus und vor allen Dingen: Kontrolle. „Es kam vor, dass er mich nicht zur Arbeit gehen ließ. Er wollte auch nicht, dass ich Freundinnen zu mir nach Hause einlade. Er hat meine Kleidung kaputt gemacht, mir Besuche bei meiner Schwester verboten. Ich musste mir für all das Ausreden einfallen lassen, damit niemand mitbekommt, wie es wirklich war“, erinnert sich Mara. Und sie musste blaue Flecken und Verletzungen verbergen. Während der insgesamt 15 Jahre mit diesem Mann lebte sie isoliert. Die Folge dieser steten Unterdrückung war, dass ihr Selbstwertgefühl nur noch schwach ausgeprägt war. Dreimal hat sie versucht, sich aus dieser Ehe zu befreien, zweimal kehrte sie zu ihm zurück, weil er sie so sehr bedrängte. Da war auch der Gedanke, dass die Kinder doch ihren Vater brauchen. Auf ein solch schlimmes und entwürdigendes Verhalten in der Ehe war Mara nicht vorbereitet. In ihrem Elternhaus wurden Werte wie gegenseitiger Respekt und Freundlichkeit gelebt, es war unvorstellbar, einen Mann zu haben, der das ihm entgegengebrachte Vertrauen so stark missbrauchen würde, der Frau und Kinder schlagen würde. Sie dachte auch, dass sie daran Schuld trägt und sich mehr bemühen muss. Diese Jahre waren eine große Kraftanstrengung für sie.

Im Frauenhaus erlebte sie zum ersten Mal seit ihrer Eheschließung wieder ein Gefühl der Freiheit. Für sich und ihre Kinder. Sie begann eine Ausbildung zur examinierten Pflegehilfskraft, knüpfte neue Kontakte, schloss Freundschaften. „Im Frauenhaus habe ich so viel Unterstützung erhalten, das hat so gut getan“, erinnert sich Mara heute. Und noch etwas kam zu diesem Gefühl der Freiheit dazu: Hoffnung. Ein paar Jahre nach der Trennung von ihrem Peiniger erfuhr Mara, dass die einstige Jugendliebe ebenfalls wieder alleinstehend ist. Seine Frau starb ein paar Jahre zuvor. Für eine erneute Partnerschaft konnte er sich nicht erwärmen – bis ihm eine Verwandte den Hinweis gab, dass seine Jugendliebe Mara geschieden war. Seine erste Reaktion darauf war ein glückliches Lachen. Obwohl Mara erst skeptisch war, und ihr Kopf sie davor warnte, sich noch einmal auf einen Mann einzulassen, gewann am Ende ihr Herz. „Er ist ein guter Mann, das wusste ich schon von Anfang an“, sagt sie und lächelt erleichtert. Denn das erfordert jetzt keine Anstrengung mehr.

„Beispiele wie das von Mara bestärken uns in unserer Arbeit und zeigen, wie wichtig es ist, solche Orte wie Frauenhäuser zu haben. Es sind unverzichtbare Zufluchtsorte. Wir erleben regelmäßig, wie zutiefst verängstigte Frauen bei uns neue Kraft tanken und überhaupt durch das Frauenhaus wieder Gelegenheit haben, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Es ist schön, diese Entwicklung mitanzusehen“, erklärt Brigitte Machnitzke vom Trägerverein Frauen helfen Frauen Wächtersbach, der das Frauenhaus betreibt. Im Frauenhaus haben die Betroffenen nicht nur einen Ort zum Leben, sondern sie werden auch bei allen anfallenden Behördengängen unterstützt und bei der Traumabewältigung betreut. Auch die Kinder erhalten Therapie-Angebote, um das Erlebte verarbeiten zu können. Die Nachfrage nach freien Plätzen sei hoch, jede Spende sei willkommen.
 
Im Frauenhaus Ergänzung Bild Sabine Räbiger Olga

Das Frauenporträt „Olga“ von Sabine Räbiger ist das Titelbild des aristanet Benefizkalenders 2023. Der Erlös aus dem Verkauf der Kalender kam dem Frauenhaus in Wächtersbach zugute.